Ein Ausblick
Die bisherige Stellung der Gemeinschaftsschulen als eine eher geduldete Schulart neben anderen kann nicht befriedigen. Wir skizzieren hier, warum und wie es weitergehen kann, welche Hindernisse überwunden werden müssen und was dafür auch im Einzelnen erforderlich ist.
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… und wie weiter?
Ein Ausblick
Gemeinschaftsschulen gibt es in Berlin seit 2008, also nunmehr seit 16 Jahren. Es ist Zeit, über den Stellenwert und die Bedeutung dieser Schulart für die Berliner Schullandschaft nachzudenken. Die bisherige Stellung der Gemeinschaftsschulen als eine eher geduldete Schulart neben anderen kann nicht befriedigen. Das widerspricht den ursprünglichen Absichten sowie den eigentlich notwendigen Konsequenzen, die aus den positiven Ergebnissen und Erfahrungen gezogen werden müssten. Wir skizzieren hier, warum und wie es weitergehen kann, welche Hindernisse überwunden werden müssen und was dafür auch im Einzelnen erforderlich ist.
Teil 1– Die schulpolitische Sicht
Robert Giese, Lothar Sack
Wir können es schon fast nicht mehr hören:
- eine hohe und steigende Schulabbrecherquote – dabei sind die „Köpfe der Menschen“ doch unser Kapital –,
- beklagenswerte kognitiven Schülerleistungen,
- trotz einer Schulart für die „Begabten“ keine besseren Spitzenleistungen als in Ländern mit integrierten Schulsystemen,
- Spitzenwerte bei der Abhängigkeit des (nicht nur) schulischen Erfolges von der sozialen Herkunft.
Mittlerweile muss man wohl hinzufügen: Immer mehr Jugendliche sind anfällig für undemokratische bis totalitäre Denkweisen und Taten. Einer der Treiber: ungenügende Bildung.
Unser Schulsystem begünstigt gesellschaftliche Spaltung, anstatt gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften.
Wenn Mängel nicht mehr zu übersehen sind, gibt es häufig nur nachträgliche Reparaturversuche, obendrein meist teuer und zeitlich begrenzt, die Legislaturperiode ist beendet – aber ohne nachhaltige Wirkung.
An einer Stelle ist Bewegung nicht nur ins Reden, auch ins Handeln gekommen: die vorschulische Phase. Jedoch der andere große Hemmschuh für mehr Chancengleichheit verharrt bisher in Stagnation: die frühzeitige Trennung der Kinder in unterschiedlich wertige Schularten der Sekundarstufe, die Selektion der Kinder nach Sozialmilieus mit der Begründung der Bestenauslese. AfD, CSU, CDU, der Philologenverband wollen das bisher so … und viele Eltern auch. Und die Lehrer?
Da gibt es gelingende Schulen – etwa die Schulpreis-Schulen – sowie Schulversuchen mit beachtlich positiven Ergebnissen. Das ist häufig Anlass für schöne Feiern mit entsprechenden Reden. Schulpolitische Konsequenzen?: Keine.
Dabei gibt es in Berlin Schulen, die die oben skizzierten Defizite unseres Schulsystems erfolgreich angehen. Die beiden voranstehenden Beiträge handeln ausführlich davon. Wir fühlen uns bestärkt: Es ist ein richtiger Weg, die wirksamen Bausteine der gelingenden Schulen zu erkennen und sie zur Grundlage der Weiterentwicklung unseres Schulsystems zu machen. Das war die ursprüngliche Absicht bei der Einrichtung der Pilotphase Gemeinschaftsschule Berlin.
Doch es gibt Hindernisse, Widerstände und Vorbehalte, deren Reduzierung oder gar Beseitigung nicht trivial ist.
Wie kann der Gewöhnung (fast) aller, vornehmlich derer, die Einfluss haben, an ein Schulsystem mit ungleich wertigen Schulen, entgegengewirkt werden?.
Wie können Politiker überzeugt werden, sich über eine Wahlperiode hinaus an längerfristigen bildungspolitischen Zielen und ihren gesellschaftlichen Implikationen zu orientieren?
Wie können Schulen aller Schularten, die Unterricht nur in möglichst homogenen Lerngruppen für richtig halten, überzeugt werden, dass Lernen besser und nachhaltiger gelingt, wenn den Lernenden Raum und Zeit gegeben wird, ihren jeweils eigenen Lernweg zu finden? Dann sind heterogene Gruppen kein Risiko, sondern Bereicherung.
Wie können Eltern davon überzeugt werden, dass auch ihre klugen Kinder vom Besuch einer integrierten Schule profitieren?
Wie kann eine Verwaltung davon überzeugt werden, dass es auch für ihre Arbeit vorteilhaft ist, nach neuen Strukturen zu suchen? Wenn Schulwechsel nur aus individuellen Gründen erfolgen und nicht systemisch bedingt sind, reduziert sich Arbeit und Ärger mit der Schulplatzvergabe auf Einzelfälle.
Wie kann die Arbeit der Gemeinschaftsschulen öffentlich stärker wahrgenommen werden?
Wir brauchen systemisch verankerte Aktivitäten, die Vorbehalte reduzieren, die Neugründungen von Gemeinschaftsschulen fördern, die bestehende Gemeinschaftsschulen stärken und sie in ihrer Entwicklung und Vernetzung unterstützen und den Schulen effektive Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch bieten. Dafür ist es nötig, den Blick auf die Gemeinschaftsschule zu korrigieren. Hier sind Bildungspolitik und Verwaltung gefordert.
Die Gemeinschaftsschulen sind bereit, ihren Beitrag für einen Diskurs über eine Schule zu leisten, die jeden einzeln aber auch unsere Gesellschaft voranbringt. Sie sind bereit, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zu zeigen, gehen dabei mit Entwicklungsvorhaben auch dann offen um, wenn sie nicht auf Anhieb funktionieren. Auch Skeptiker sind eingeladen. Wir wollen zeigen, wie längeres gemeinsames Lernen geht, dass es eine bessere Lösung gibt als separierten Unterricht. Ein Instrument hierfür sind Schulbesuchstage. Die nächsten sind für den Februar 2026 vorgesehen.
Sinnvoll erscheinen uns u. a. folgende Vorhaben:
- Senatsverwaltung und Bezirksämter identifizieren neue Standorte für Gemeinschaftsschulen im Bestand und bei Neubauten.
- Die Senatsverwaltung weist alle Schulen regelmäßig auf die Möglichkeit hin, Gemeinschaftsschule zu werden und fordert auf, davon Gebrauch zu machen. Grundschulen und Gymnasien sind hierbei genauso Adressaten wie die ISSen.
- Senatsverwaltung und Bezirksämter führen mit Bewerberschulen Gespräche darüber, wie der Wunsch auf Umwandlung in eine Gemeinschaftsschule realisiert werden kann. Das geschieht vordringlich mit den Schulen, die z. T. seit mehreren Jahren immer wieder vergeblich Anträge gestellt bzw. ihr Interesse bekundet haben.
- Für die Bewerberschulen wird ein Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramm angeboten, das die jeweiligen Entwicklungsbedürfnisse der Schulen aufgreift.
Mit Freude stellen wir fest, dass die Situation auch von anderen gesellschaftlichen Instanzen ähnlich gesehen wird. Da gibt es vernichtende Urteile über unser Schulsystem und Hinweise, wie das zu ändern ist. Es äußern sich u. a. John Hattie – „Deutschland hat das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne.“ – (1, 2), Marcel Helbig (3), die GEW (4), das Ifo-Institut (5), der Bürgerrat Bildung und Lernen (6), die Bertelsmann Stiftung (7), auf Berliner Ebene der Landesschülerausschuss (8), die Linken (9), B90/Die Grünen (10, 11, 12).
Teil 2 – Die Sicht auf die Schule
Tobias Barthl, Robert Giese, Katrin Schmahl
Neue Gemeinschaftsschulen sind angesagt. Aber auch die bestehenden Schulen brauchen Stärkung, Verlässlichkeit, Entwicklungsspielraum und notwendige Ressourcen. Im Folgenden wird beschrieben, wie wir uns die Gemeinschaftsschule künftig vorstellen. Was davon (noch) nicht realisiert ist, verstehen wir durchaus als Forderung an Politik und Gesellschaft:
- Die Gemeinschaftsschule versteht sich als „gemeinsame Schule für alle“, ist also inklusiv und nimmt Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf. Sie ist an einer bevölkerungsrepräsentativen Schülerschaft interessiert.
- Jede Gemeinschaftsschule hat eine Grund-, Mittel- und Oberstufe (immer 1–13).
- Die Zügigkeit zumindest der Primarstufe und der Sek I ist grundsätzlich immer gleich.
- Die zusätzliche Zuweisung von Schüler/innen durch die Bezirksämter erfolgt in Absprache mit der jeweiligen Schule und unter Berücksichtigung ihrer pädagogischen Konzeption.
- Die Aufnahme in die Schulanfangsphase erfolgt mit der Aufteilung nach 50 % Einzugsgebiet und 50 % auf Antrag. Bei einer deutlichen Veränderung der Zahl der Gemeinschaftsschulen ist es sinnvoll, diese Quotierung neu festzulegen.
- Die Aufnahme von Geschwistern hat Vorrang vor allen anderen Aufnahmeregelungen und gilt stufenübergreifend für alle Jahrgänge.
- Alle Organisationsformen sind möglich und zulässig, favorisiert ist die jahrgangsübergreifende Form 1-3; 4-6 und 7-9.
- Die maximale Anzahl der Schüler/innen pro Lerngruppe ist 26.
- Schüler/innen mit sonderpädagogischer Förderung (SPF) mindestens in den Bereichen körperliche und motorische Entwicklung (KÖ), geistige Entwicklung (GE), Autismus (AUT) zählen für die Gruppenstärke doppelt.
- Für je drei Schüler/innen mit sonderpädagogischer Förderung (KÖ, GE oder AUT) in einer Lerngruppe gibt es eine Abminderung von zwei Unterrichtsstunden für die Lerngruppenleitung für Organisation und Arbeitsaufwand sowie zwei Stunden Abminderung für den Ganztagsbereich.
- Stunden für sonderpädagogische Förderung und für Schulhelfer/innen sind nicht gedeckelt.
- Binnendifferenzierung gilt für alle Schulstufen. Eine Niveau-Zuweisung der Schüler/innen und eine dauerhafte Einrichtung von Niveau-Kursen – G-, E-Kurse – findet nicht statt.
- Alle Schüler/innen dokumentieren ihr Lernen in altersgemäßer Form – z. B. Portfolio, Logbuch. Damit wird die Individualität der Lernwege sichtbar und bewusst gemacht. Die Instrumente dafür erarbeiten die Schulen eigenständig.
- Unabhängig von der Form der Leistungsbeurteilung werden Lernentwicklungsgespräche durchgeführt – hierfür erarbeiten die Schulen eigene Dokumentationsinstrumente.
- I. d. R. erfolgt die Lernstandsrückmeldung von Klasse 1–9 ohne Noten. Es finden notenfreie Beurteilungen – z. B. verbal, kompetenzorientiert – sowie Bilanz- und Planungsgespräche statt. Möchte eine Schule Ziffernnoten vergeben, ist dafür ein Schulkonferenzbeschluss erforderlich, der alle drei Jahre zu evaluieren und ggf. zu erneuern ist.
- Alle Lerngruppen arbeiten mit dem Klassenrat (Lerngruppenrat).
- Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist eine der Grundlagen für die Arbeit.
- IT-Infrastruktur und Werkstätten gehören zur Grundausstattung (z.B. Holzwerkstatt, Metallwerkstatt, Lehrküche, Textilwerkstatt, Keramikwerkstatt, Lernwerkstatt).
- Produktives Lernen, wie auch Praxislernklassen sind möglich. Bezirksamt und Senatsverwaltung leisten Unterstützung.
- Ein Schulgarten mit mind. 2.000 m2 Fläche gehört zur Grundausstattung.
- Alle Lehrer/innen haben die gleiche Unterrichtsverpflichtung (z.Z. in Höhe von 26 Stunden).
- Für Erzieherstellen gilt der Schlüssel: eine Stelle pro 15 Schüler/innen.
- Zuschnitt und Umfang der pädagogischen Funktionsstellen richtet sich nach der Größe der Schule.
- Für die Koordination der Mittelstufe (Jahrgänge 7–10) gibt es Abminderungsstunden: bei bis zu 416 Schüler/innen in 7–10 15 Std., bei mehr als 416 Schüler/innen 10 Std. für eine zweite Person.
- Der Umfang des zusätzlichen Personals (multiprofessionelle Teams) richtet sich nach einem Faktor auf der Grundlage des Sozialindex der Schule, belastet nicht das Standard-Kontingent der Schule.
- Jede Schule hat Anspruch auf je 1 Schulpsychologen, Qualitätsbeauftragten, Inklusionsbeauftragten, Krankenschwester, Werkstattmeister und IT-Techniker (zusätzlich zum Standard-Personal-Kontingent der Schule): ab 1.500 Schüler/innen je eine Stelle, darunter je eine halbe Stelle.
- Die Verwaltungsleitung ist an der Größe der Schule ausgerichtet: bis 1.000 Schüler/innen eine Stelle, darüber zwei Stellen.
- Die Haushaltsmittel für alle Bestellungen bewirtschaftet jede Schule in eigener Verantwortung. Das Bezirksamt kann beratend hinzugezogen werden. Es erfolgt eine Jahresabrechnung gegenüber dem Bezirksamt.
- In der Senatsverwaltung gibt es ein eigenes Referat für die Gemeinschaftsschule.
- Es gibt eine Gemeinschaftsschulverordnung, mindestens aber eine deutliche Hervorhebung der Regelungen für die Gemeinschaftsschule in der Primar- und Sekundarstufen-Verordnung.
- Gemeinschaftsschulen sind keine ausschließlichen Sekundarstufenschulen. Sie erhalten eigene Schulnummern mit einem Schulartkürzel verschieden von dem der integrierten Sekundarschulen, etwa 11E01 (E - für "Eine Schule für ALLE"), und werden auch in der Schulstatistik als eigene Schulart behandelt.
Für deutsche Ohren mögen diese Wünsche/Forderungen ziemlich opulent klingen; international, etwa in den skandinavischen Ländern ist dies jedoch Standard und tägliche Realität nicht nur einiger (privilegierter), sondern aller Schulen.
Quellen
(1) John Hattie: Deutschland hat das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne, 2025-01:
https://ggg-web.de/bildung-politik/131/2566
(2) John Hattie: Wie können Sie denn bei Zehnjährigen schon wissen, wie sie mit 30 sein werden?, 2025-04:
https://ggg-web.de/bildung-politik/131/2384
(3) Marcel Helbig: Wenn die am wenigsten Begünstigten die größten Nachteile haben – Warum unser Schulsystem strukturell ungerecht ist, Eine für Alle Heft 10, 2025-08:
https://ggg-web.de/publikationen/ueberregional/eine-fuer-alle/2756
(4) GEW bekennt sich zur "Eine(n) Schule für alle" (2025-05):
https://ggg-web.de/bildung-politik/131/2714
(5) Ludger Wößmann u. a.: Ungleiche Bildungschancen – Ein Blick in die Bundesländer, 2024-05:
https://ggg-web.de/bildung-politik/131/2391
(6) Bürgerrat Bildung und Lernen: K/EINE CHANCE – Vorschläge für eine gerechte Bildung, 2023:
https://www.buergerrat-bildung-lernen.de/wp-content/uploads/2023/08/BRBL_Mai_2023_DS_NEU.pdf
(7) Bertelsmann Stiftung: Empfehlungen für eine veränderte Lern- und Prüfungskultur – Plädoyer für mutige Entscheidungen, Juni 25:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Empfehlungen_fuer_eine_veraenderte_Lern_und_Pruefungskultur_final.pdf
(8) Landesschülerausschuss Berlin: Zukunftsforderungen – Akut versetzungsgefährdet – Wer die Bildung nur verwaltet, verliert die Zukunft!2025-06:
https://lsaberlin.de/.cm4all/uproc.php/0/Zukunftsforderungen.pdf?cdp=a&_=1976a7f4e98
(9) Linke wollen Anzahl der Gemeinschaftsschulen verdoppeln (2025-07):
https://www.linksfraktion.berlin/politik/presse/detail/berliner-linksfraktion-will-anzahl-der-gemeinschaftsschulen-bis-2031-verdoppeln
(10) FIBS: Potenzialstudie Ausbau von Gemeinschaftsschulen, Abschlussbericht 2025:
https://gruene-fraktion.berlin/download/potenzialstudie-ausbau-von-gemeinschaftsschulen-fibs/?tmstv=1754742729
(11) Die Grünen, LAG Bildung: Gemeinschaftsschulen mit klaren Qualitätskriterien – Positionspapier der LAG Bildung Bündnis 90/Die Grünen Berlin, 15.05.2025:
https://gruene.berlin/nachrichten-lag-bildung/positionspapier-gemeinschaftsschulen-mit-klaren-qualitaetskriterien_3571
(12) Grüne wollen Anzahl der Gemeinschaftsschulen verdoppeln (2025-07):
https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/schule-des-21-jahrhunderts-grune-wollen-zahl-der-gemeinschaftsschulen-in-berlin-verdoppeln-14100413.html
Artikel aus Die Schule für alle Heft 2025/3